Porträt der 62-jährigen todkranken Mutter, gezeichnet von Albrecht Dürer, 1514

Philosophisch alt werden

Ein Vortrag von Dr. Sven Wiethölter · Buxtehude, April 2026

Inhalt des Vortrags

Lesezeit ca. 25 Min.

Ewige Jugend ist ein ewiger Menschheitstraum, und nie waren wir ihm näher als heute. Wie sahen Ihre Großeltern aus, als sie 60 oder 70 oder gar 80 waren? Falls Sie Ihre Großeltern überhaupt erlebten und altern sahen. Unsere Möglichkeiten, etwas für das Jungbleiben zu tun, sind in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen. Dass wir gleichwohl altern, gerät dann Manchem aus dem Blick und wird erst dann virulent, wenn es wirklich ernst wird.

Das Alter hat einen schlechten Ruf, vor allem bei Jüngeren, die deswegen jung sterben möchten — dies aber möglichst spät.

Der Vorgang des Alterns ist unpopulär — weil angenommen wird, dass sich alles zum Schlechteren wendet und auch noch mit dem größten aller Übel endet, dem individuellen Tod.

Doch stimmt das? Wendet sich alles zum Schlechteren? Und wäre das größte aller Übel nicht die Unsterblichkeit?

Struktur

Sechs Stationen eines Nachdenkens

  1. I Definition und Annäherung an das Thema
  2. II Einleitung
  3. III Plutarch
  4. IV Jean Améry
  5. V Odo Marquard
  6. VI Zusammenfassung und Rezept für das Altern

Ich werde die Ausführungen gelegentlich durch ein kurzes illustrierendes Gedicht aufzulockern suchen und damit an das poetische Potential gerade des Alterns erinnern — es gibt vermutlich kaum eine Lebensphase, die häufiger von Dichtern besungen und beklagt, allerdings nur selten begrüßt wird.

I

Kapitel

Definition & Annäherung

Nähern wir uns dem Thema und fragen zuerst, wen wir überhaupt als „alt“ bezeichnen würden.

Alt ist, wer …

Und was meint Wikipedia:

Das Altern ist ein fortschreitender biologischer Prozess … der graduell zum Verlust der gesunden Körper- und Organfunktionen und schließlich zum biologischen Tod führt. Altern ist der bei weitem wichtigste Risikofaktor für diverse Krankheiten … Die maximale Lebenszeit (wird beim Menschen auf 120 Jahre geschätzt), die ein Individuum erreichen kann, wird durch das Altern maßgeblich beschränkt … und wird (nach neueren Daten) zu ca. 50 % durch die Genetik bestimmt.

Westliche Moderne

Drei Phasen des Alterns

Man könnte die Lebensphase des Alterns oder Altseins in unserer Zeit und unserer westlichen Welt in die folgenden drei Abschnitte gliedern:

  1. 01

    Phase 1 · Der agile Rentner

    Es scheint eine typische Entwicklung unserer Zeit und Weltgegend zu sein, als Rentner einfach so weiterzumachen: Bisheriges Leben minus Erwerbsarbeit. Weiterhin viel (oder noch mehr) zu reisen, auch in ferne Länder. Weiterhin viel (oder noch mehr) Sport zu treiben, auch im Fitness-Studio und auf Halbmarathons. Weiterhin alles machen zu können, aber nichts mehr zu müssen — „ich will doch etwas von meiner Rente haben." Das klingt manchmal, als hätte man zuvor noch gar nicht gelebt. Einst typische Merkmale des Alterns werden erst dann wahrgenommen, wenn es nicht mehr anders geht — das Alter ist ins Greisenalter verschoben. Der alternde Mensch ist lange Zeit aktiv, sportlich und unterwegs.

  2. 02

    Phase 2 · Es wird ernst

    Beschwerden kommen, aber gehen nicht mehr, der Körper tritt stärker ins Bewusstsein, alles geht langsamer, der Geist beginnt zu lahmen, die Kreise werden enger.

  3. 03

    Phase 3 · Steil bergab

    Einschränkung von Autonomie und Mobilität, Rückzug, Hilfsbedürftigkeit, die Sinne werden schwächer, Gedanken an den Tod werden häufiger.

    „Das Stufenalter des Menschen“ – historische Darstellung der zehn Lebensstufen
    „Das Stufenalter des Menschen" — zehn Stufen von der Wiege bis zur Bahre.

Lauschen wir, bevor wir tiefer einsteigen, noch einigen …

Stimmen

K

Frau K.

68, 6 Monate nach dem Tod des Ehemannes

„Ich kann nicht nur rumjammern. Ich muss nach vorn schauen." — Wenn eine Witwe mit 68 Jahren „nach vorn" schaut, was sieht sie dann? Sie hat recht: Was (noch) vor ihr liegt, will ins Auge gefasst werden!
R

Philip Roth

1933–2018, in seinem Roman „Jedermann" von 2006

„Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker." In einem Interview erklärte Roth, dass ihm der Satz spontan eingefallen sei, als er im Fernsehen Bilder von der Evakuierung von Altersheimen während der Überschwemmungen in New Orleans sah — es habe für ihn den Eindruck erweckt, als würden Menschen von einem Schlachtfeld geholt.

Quelle: „Jedermann" („Everyman", 2006; Rowohlt TB, 2024, S. 136).

E

Epikur

341–271 v. Chr.

„Nicht der Jüngling ist glücklich zu preisen, sondern der Greis, der gut gelebt hat. Denn wer noch in frischer Jugendkraft steht, wird vielfach vom Geschick bald in der, bald in jener Richtung umhergetrieben; der Greis dagegen ist im Alter wie in einem Hafen gelandet und hat einen Reichtum, auf den er früher kaum zu hoffen wagte, hinter sicherem Damm geborgen."

Quelle: Nestle, Die Nachsokratiker, 2 Bde., 1923. Aus der Spruchsammlung „Also sprach Epikuros".

W

Herr W.

63

„Noch kann ich es nicht in die richtigen Worte fassen, was das ist, dieses seltsame wie unabweisbare Gefühl des Schwundes, dieses Schwinden von Vitalität, Neugier und Offenheit für alles, dieses Verlorengehen, nein, leider, schon Verlorensein von Selbstverständlichkeit: Selbstverständlich bin ich am morgen erquickt und ausgeruht, selbstverständlich verschafft mir eine Pause auch Erholung, selbstverständlich kann ich auch einmal über die Stränge schlagen und dann ein wenig leiden ohne viel Aufhebens, selbstverständlich funktionieren alle meine Körperteile, und wenn nicht, dann ist das ein vorübergehender Zustand — all das ist nun nicht mehr selbstverständlich. Schmerz wird zum dauernden Begleiter, Leichtes wird schwer, Schweres unmöglich. Und die Vorzüge des Alters? Um die geht es mir heute wohl nicht, etwas in mir wünscht zu klagen und, wenn ich innehalte und lausche, etwas in mir … trauert. Trauert um das Schwinden der Jugendlichkeit."
Pompeo Batoni – Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören, 1746
Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören. — Ölgemälde von Pompeo Batoni, 1746.
II

Kapitel

Einleitung

Als ich noch ein junger oder ein noch junger Assistenzarzt war, begegnete mir ein Patient, der ein langes, tätiges Leben hinter sich hatte und nun einen Schlaganfall erlitten hatte. Als es ihm etwas besser ging, fragte ich ihn, welcher Abschnitt seines Lebens der beste gewesen sei, und er antwortete: Jeder Abschnitt war gut. Und nun? — „Es ist auch gut. Türen schließen sich, andere öffnen sich."

Es ist klar, dass es sich um eine Bewertung, eine subjektive Bewertung handelt, eine Bewertung gleichsam von innen. Von außen betrachtet, hätten wohl die meisten Besucher dieses Patienten seinen aktuellen Lebensabschnitt objektivierend als keineswegs gut betrachtet. Doch vielleicht verhilft uns dieses Beispiel dazu, zu Beginn zu fragen, ob es das objektiv „gute Altern" überhaupt gibt? Schließlich sind es Subjekte, die das Altsein erfahren und gestalten. Ich werde deswegen in meinem Beitrag versuchen, verschiedenen Positionen Raum zu geben, um schließlich zu meiner persönlichen Vorstellung dieses Alterungsprozesses oder, wie eine weitere Patientin sagte, dieses „letzten Lebensabschnitts" zu finden.

Philosophisch altern. Was heißt das? Es heißt nachdenken. Und beim denkenden sich Nähern kommen einem Bedenken.

Denn das Alter konfrontiert den schweifenden Geist mit einigen grundsätzlichen Fragen, denen sich noch länger ausweichen ließ.

Zuvörderst die letzte aller Fragen, die nach dem Tod, dem eigenen. Wo werde ich sein, wenn ich nicht mehr bin?

Dann die Frage nach dem Sinn des Ganzen, hier als die Frage nach dem Sinn des eigenen ganzen Lebens. Dies zielt nicht auf Erstrebtes und Erreichtes oder auch nicht Erreichtes, sondern auf so etwas wie einen Grundton oder eine Grundtönung. Was bin ich geworden? Was habe ich aus mir gemacht?

Und die Frage nach dem Leiden wird dringlicher, weil das Leiden herandrängt: Krankheit, Verlust, Abbau. Was kann ich ertragen? Und wie erträgt man mich?

Abbau der Kräfte führt zu ungewohnter Hilflosigkeit, und die eigentlich Hilfsbedürftigkeit meint, weil ich mir selbst nicht mehr zu helfen weiß. Was aber bedeutet es dem längst dem Kleinkindalter Entwachsenen, zurückzukehren in jenen Zustand der Abhängigkeit, an den er sich nun wieder gewöhnen soll?

Schließlich die Einsamkeit. Rückgeworfenheit auf sich selbst. Nicht mehr im Gespräch sein, nicht mehr Teil sein von etwas Größerem als das Ich. Der alternde Mensch wird unsichtbar, das Verschwinden beginnt schon zu Lebzeiten.

Westliche & östliche Konzepte

Zwei Beispiele

Erik Erikson (1902–1974): In seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung geht es im letzten Stadium, Stadium 8, unter dem Stichwort Ich-Integrität vs. Verzweiflung um Folgendes: „Ich bin, was ich mir angeeignet habe."

Der letzte Lebensabschnitt stelle den Menschen vor die Aufgabe, auf sein Leben zurückzublicken. Anzunehmen, was er getan hat und geworden ist, und den Tod als sein Ende nicht zu fürchten. Setzt sich der Mensch in dieser Phase nicht mit Alter und Tod auseinander (und spürt nicht auch die Verzweiflung dabei), kann das zu Ignoranz, Zynismus, Bitterkeit und Erstarrung führen. Wird diese Phase jedoch erfolgreich gemeistert, erlange der Mensch das, was Erikson Weisheit nennt — dem Tod ohne Furcht entgegensehen, sein Leben annehmen und trotzdem die Fehler und das Glück darin sehen können. Eine idealisierende Vorstellung?

Erik H. Erikson (1959): Identity and the Life Cycle. New York: International Universities Press. Übersetzung: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966, S. 55–123.

In der indischen Philosophie (vor allem im Hinduismus) gibt es das Konzept der vier Lebensphasen, genannt Āśramas (आश्रम). Sie beschreiben den idealen Lebensweg eines Menschen — ethisch, spirituell und gesellschaftlich. Nach einer Lern- und Schülerphase (Kindheit und Jugend, Bildung, Studium der Veden, Disziplin und Selbstkontrolle, Entwicklung von Charakter und Wissen) und der Hausvater-/Hausfrauenphase (Erwachsenenalter, Ehe, Familie, Beruf, gesellschaftliche Verantwortung, wirtschaftliche Tätigkeit, Fürsorge für Familie und Gemeinschaft — diese Phase gilt als die tragende Säule der Gesellschaft) folgen Rückzugs- oder Waldphase (spätes Erwachsenenalter, schrittweiser Rückzug aus Beruf und Familienpflichten, Übergang zu spiritueller Praxis, Meditation und Beratung Jüngerer) und schließlich die für Karma und Befreiung entscheidende Entsagungsphase (vollständige Loslösung von Besitz und sozialen Bindungen, Leben als Asket oder Wanderer, ausschließliche Ausrichtung auf spirituelle Befreiung, Moksha).

Siyaram Baba, hinduistischer Heiliger
Siyaram Baba — Die Behauptung, ein 188 Jahre alter Inder sei gefunden worden, ist eine Falschmeldung, die 2024 in sozialen Medien viral ging. Bei dem Mann handelte es sich tatsächlich um den hinduistischen Heiligen Siyaram Baba, der im Dezember 2024 starb, 94 oder 110 Jahre alt.

Haiku · Sugiyama Sampú · 1690

Mit einem Male
brach der erste Zahn mir aus —
und der Herbstwind weht.

Das Alter ist ein relevanter Topos in fast allen Gesellschaftsfeldern — für die Philosophen von Berufs wegen. Es gibt folglich reichlich philosophische Literatur, aus der ich drei Autoren herausgreife, beginnend mit …

Büste aus Delphi, 2. Jhdt., vermutlich Plutarch
Büste aus Delphi, 2. Jhdt.

Kapitel III

Plutarch

* um 45 in Chaironeia · † um 125

Ob ein Älterer noch tätig sein soll

Griechischer Philosoph und Schriftsteller, der auch öffentliche Ämter ausübte. Aus vermögender Familie der Oberschicht, Student der platonischen Akademie in Athen. Philosophisch an Platon orientiert, Priester am Tempel Apolls in Delphi, polemisierte gegen Epikureer und Stoiker. Zu Lebzeiten bereits berühmt und mit großer Nachwirkung, z. B. bei Montaigne, verehrt und vermutlich unspektakulär in hohem Alter gestorben.

In der Antike galt als alt, wer das 60. Lebensjahr überschritten hatte. Ab diesem Alter wurde man auch nicht mehr zum Wehrdienst herangezogen. Die Kinder waren gesetzlich zum Unterhalt der Eltern im Alter verpflichtet.

Der Adressat von Plutarchs Werk „Ob ein Greis sich in der Staatsverwaltung beteiligen soll" ist Euphanes, ein älterer, angesehener Athener Politiker, der aufgrund seines Alters über einen Rückzug aus dem öffentlichen Leben nachdachte, worauf Plutarch mit diesem Essay antwortete.

Ausgangspunkt ist Plutarchs Vorstellung vom gelungenen Dasein, das er in einem „ehrenhaften Leben" (S. 21) sieht und dieses wiederum im „Einsatz für die Gemeinschaft und das Staatswesen" (S. 22). „Das bleibt ja sogar bei den Ameisen und Bienen bis an ihr Ende so … Von all den vielen Übeln bringt aber nichts so viel Unehre für einen Älteren wie untätiges, energieloses und faules Herumsitzen." (S. 22–23)

Er argumentiert dann, dass im Alter die gängigen Vergnügungen wie Gelderwerb, Essen und Trinken, aber auch die der Aphrodite kaum noch zählten, weil sie abgestumpft seien — die geistigen Freuden, die aus rechtem Tun und ehrenvollem Handeln erwachsen, hingegen weiter verfügbar blieben. Die schönsten und größten Freuden bereite dabei die öffentliche Tätigkeit, das Wirken für die Allgemeinheit und menschenfreundliche Gesinnung (S. 29–30). „So ist auch ein Älterer, der aktiv ist in Wort und Tat und dadurch Respekt genießt, ein ehrwürdiger Anblick. Einer aber, der den Tag im Bett verbringt oder in einem Winkel der Halle sitzt, allerlei daherschwätzt und sich die Nase schnäuzt, den kann man zu Recht verachten." (S. 34)

Bemerkenswert in unserer Zeit: Für Plutarch hat das Vaterland noch größere und ältere Rechte als die der Eltern gegen die Kinder, denn dieses bedürfe „ständiger Fürsorge, Hilfe und Aufmerksamkeit." (S. 48) Ein interessanter Gedanke: Nicht das Vaterland muss sich um uns kümmern, sondern wir um das Vaterland. John F. Kennedy in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann — fragt, was ihr für euer Land tun könnt."

Plutarch fokussiert die Vorzüge des Alters

Aber: Denk- und Tatkraft bleibe nur den geistig Regsamen „erhalten durch beständiges Reden, Handeln, Überlegen und Urteilen." Müßiggang hingegen verzehre sie „wie Rost das Eisen." „Ein unbewohntes Haus stürzt mit der Zeit zusammen." (Sophokles zitierend, S. 46)

„Am besten geht es dem Staat, wenn der Rat der Alten und die Speere der Jungen hervorleuchten."

Pindar, zitiert bei Plutarch · S. 39

Abschließend zeichnet Plutarch ein m. E. idealisiertes Bild des alten Mannes (!), gekennzeichnet von Vernunft, Einsicht und Erkenntnis, Freimütigkeit und kluger Umsicht, gerichtet auf seine moralischen Prinzipien wie Gerechtigkeit, Mäßigung, Selbstbeherrschung und Weisheit. Auch der alte Mensch solle, so er noch Saft und Kraft habe, ein tugendhaftes Leben als Teil der Gemeinschaft und in deren Dienst führen. Kurzum: Die Alten werden gebraucht. Und das tut ihnen selbst und der Gemeinschaft gut.

Anhang: Epikur (um 341 v. Chr. auf Samos; † 271 oder 270 v. Chr. in Athen) bezieht eine ganz andere Position. Er propagiert den Rückzug ins Private, weg von der Politik und der Masse, zugeneigt den Freunden und einfachen Freuden. Mit Wenigem auszukommen — „Wem das Genügende nicht genügt, dem wird es nie genug sein." Epikurs Ideal ist Gelassenheit — die „Windstille der Seele."

Haiku · Kobayashi Issa · 1763–1828

Alt geworden —
selbst der Schatten
geht langsamer.

Jean Améry, 1912–1978
Jean Améry, 1912–1978

Kapitel IV

Jean Améry

* 1912 Wien · † 1978 Salzburg

Über das Altern — Revolte und Resignation (1968)

Der Jude Améry war Autodidakt und Autor, beteiligte sich am Widerstand gegen die Nazis, wurde gefasst und gefoltert, nach Auschwitz deportiert. Nach dem Krieg lebte er in Belgien, arbeitete als Kulturjournalist und Autor überwiegend für ein deutschsprachiges Publikum.

Bekannt war Améry auch als Fürsprecher des selbstbestimmten Todes, wie er in seinem Buch „Hand an sich legen" 1976 darlegt. Am 17. Oktober 1978 schluckte er in einem Salzburger Hotel eine Überdosis Barbiturate, in einem Brief entschuldigte er sich bei der Leitung des Hotels für die Unannehmlichkeiten, die er dem Haus bereite. Das Geld für die Rechnung hatte er mit dem Zimmer hinterlegt.

Améry eröffnet mit Überlegungen zum Zeiterleben des alternden Menschen: „Erst dann, wenn einer der Entscheidundenheit und Unwiederbringlichkeit der Zeit gewahr wird, … wird Zeit zu einer an ihn gerichteten Frage." (S. 25) Die Zeit werde erst dann zum Problem, wenn sie, wie das Geld, knapp werde. Weil nicht mehr viel Zeit übrig ist, bekomme das „Jetzt" einen bisher nicht gekannten Wert. Dazu ein schöner Gedanke Amérys (S. 25): „Der junge Mensch taugt von sich, der alte fasst er sich." Aber was auch immer sich wählt von nun an im Jung sein, ist die Welt!

Zweites Kapitel: Der Leib. „Wenn das alternde Menschenwesen … regelgebild haften bleibt: dann bricht urplötzlich das Entstarren auf." (S. 40) Denn, so Améry, er haben bis dahin das Altern des Körpers verdrängt, die innere Repräsentanz des Leibes hinke der Realität, die dann plötzlich im Spiegelbild erkannt werde, lange hinterher. Dies sei „das Grunderlebnis eines jeden Alternden, der nur die Geduld hat, ausgelaufen stehen vor dem Spiegel." (S. 43) Wir werden auf unseren Leib verwiesen, der nun nicht mehr fraglos funktioniert, sondern der uns zwingt, sich mit ihm zu befassen und mehr und mehr unseren Lebensrhythmus bestimmt. (S. 48)

Kulturell Altwerden. „Wer an die Schwelle gerät … muss irgendwann erfahren, dass er die Welt nicht mehr versteht … Zuerst ist da nur ein taubes Gefühl von Widerwillen gegen das, was der Alternde für sich den kulturellen Jargon der Epoche nennt." (S. 81) In diesem Kapitel entfaltet Améry die Ambivalenz des Alternden zwischen der Aufgeschlossenheit für das Neue, die zu einem abstoßenden Ewig-jung-Bleiben-Wollen werden kann, und dem Ekel vor dem Fremden (Neuen), der sich manifestiert als Mäkelei, Unsicherheit und rhetorische Ablehnung.

Der Blick der Anderen. Améry untersucht mit kühlem Verstand die Situation des Alternden und diagnostiziert: „Mit einem Mal … bewilligt die Welt ihm nicht mehr den Kredit seiner Zukunft, sie will sich nicht mehr darauf einlassen, ihn als den zu sehen, der er sein könnte." Er werde zu einem „Geschöpf ohne Potentialität." (S. 65) … und eben nicht zu jenem ehrwürdigen Greis, von dem bei Plutarch die Rede ist. Und weiter: „Zahlreiche Adjektive, die alle mit der Silbe „un" beginnen, werden dem alternden Menschen zugeordnet … unfällig, ungültig, unbelehrbar, unerfreulich, unverwurzelt … un-jung." (S. 77) Bereits erwachte die Gesellschaft, „dass wir … in Würde altern, Revolte, ohne Klage …" (S. 83) … Er (der Alte) ist „… ein Mensch, der in der Anerkenntnis des Nicht-Seins doch noch ein Etwas (vor dem gänzlichen Nicht-Sein, dem Tod). Er macht die Negation durch den Blick der Anderen zu seiner Sache und endet schweigend gegen sie … Das … ist, vielleicht, die einzige Möglichkeit, wahrhaft in Würde zu altern." (S. 88)

Mit dem Sterben leben. Hier soll nur eine Bemerkung Amérys angeführt und bemerkt werden, dass es „So Gedanken" gibt, mit denen Améry durchaus weiterweist. Améry: „Der alternde Mensch, sofern er nicht schlechten Gewissens und meiner Geschäft des Verdrängens beträfe das Geschäft des Verdrängens bereits (das Geschäft das vermeintlich ewig Jungen), der alternde Mensch … spürt in der Tat sich sterben, lange Jahre noch ehe er stirbt. Sein physischer, geselliger, kultureller Weltverlust gibt ihm das Gewissheit dessen, woran er früher nur als theoretische Wahrheit geglaubt hat: dass er ein moribundus ist (ein Sterbender)." (S. 121f)

„Das Altern ist eine verödete Lebensregion, bar jeden vernünftigen Trostes."

Jean Améry, S. 134

Zusammenfassend muss wohl gesagt werden, dass Améry vor 56 Jahren bei Erscheinen des Essays den Alternden nur als einen, im günstigsten Falle würdevoll, Rostenden vorstellen kann und uns daran erinnert, dass das Neue letztlich immer Recht hat, „ganz einfach, weil es weiter ist in der Zeit." (S. 95) Und: „Er (der Alte) versteht die Welt nicht mehr; die Welt, die er versteht, ist nicht mehr … Er ist kein Held, nur ein Irgendwer: so heldenhaft wie jeder Irgendwer, der altert und sterben wird." (S. 110) Wir sollten uns also nichts vormachen. „Das Altern … ist eine verödete Lebensregion, bar jeden vernünftigen Trostes." (S. 134) Wir sollten das Alter nicht romantisieren oder poetisieren, uns aber auch den Erwartungen der Welt an den Alternden nicht beugen, sondern revoltieren — bevor wir resignieren. Beugen sollen wir uns nur dem Einen und auch dem nüchtern entgegensehen: Dem Tod.

Haiku · Jōsō · Schüler Bashōs · 1661–1704

Kälter als Schnee noch
liegt auf dem ergrauten Haar
der Mond des Winters.

Odo Marquard, 1928–2015
Odo Marquard, 1928–2015

Kapitel V

Odo Marquard

* 1928 Stolp · † 2015 Celle

Zum Lebensabschnitt der Zukunftsverminderung (Vortrag, 2006)
Das Alter — mehr Ende als Ziel (Interview, 2013)

Beides in: Endlichkeitsphilosophisches (Reclam, 2013)

1965–1993 Professor für Philosophie in Gießen. Als Heranwachsender war Odo Marquard indoktrinierter Adolf-Hitler-Schüler, Flakhelfer und im Volkssturm, erlebte das Kriegsende als „Zusammenbruch", desillusioniert und entwurzelt den Verlust der Heimat. Der Neubeginn führte ihn zur Philosophie, die er als durchaus humorvoller Skeptiker, unterhaltsamer Essayist und Redner bereicherte. Grundzug seines Philosophierens ist die These, dass der Mensch als sorgenvolles Mängelwesen einer rücksichtslosen Wirklichkeit gegenübersteht, die er durch Kompensationen zu beherrschen versucht.

Mit 78 Jahren, so alt war Odo Marquard, als er den hier in Rede stehenden Vortrag hielt, zählte er sich zu den Alten. Das Alter sei „ein Lebensabschnitt gemäßigter, manchmal starker, manchmal fröhlicher Depression." (S. 70) … aber auch ein Lebensabschnitt, der es dem Betagten, dessen Zeit knapp wird, erlaube, illusionslos und realistisch zu sein, kaum noch Rücksichten nehmen zu müssen. Rücksicht z. B. auf andere Menschen, denen nicht auf die Füße getreten werden darf, oder Rücksicht auf die Perspektiven der eigenen Zukunft, die gefühlt noch endlos vor einem liegt und die nicht verstellt werden darf oder in der es noch etwas zu vollenden gilt. Alles Illusionen, meint Odo Marquard, der nun nicht mehr gebraucht werden. Der alte Mensch könne die Dinge sehen, wie sie sind, und sagen, was er will! Er müsse sich und Anderen nichts mehr beweisen und kann seine Eitelkeiten abstreifen.

„Ein Lebensabschnitt gemäßigter, manchmal starker, manchmal fröhlicher Depression."

Odo Marquard über das Alter, S. 70

Dabei verkennt Marquard nicht, dass das Alter, insbesondere das hohe Alter, eine Zumutung ist, eine, wie er sagt, „wacklige Geschichte." (S. 77) Dazu gehöre eine gewisse Schwermut, eine Melancholie, die den meisten Philosophen aber ohnehin lebenslang eigen sei. (S. 83f)

7 Jahre später, also 85-jährig, gab er das hier zusätzlich herangezogene Interview, in dem er illusionsfrei über seinen Zustand berichtet und konstatiert: „Man muss akzeptieren, dass man am Ende ist, wo es keine Ziele mehr gibt." Er bekennt, Furcht vor dem Sterben zu haben („es könnte unangenehm werden"), und wünscht sich die Gegenwart der ihm nächsten Menschen. Odo Marquard wurde 87 Jahre alt und verbrachte die letzten zwei Jahre mit seiner Ehefrau in einem Seniorenheim in Celle in der Nähe seines Sohnes, der ein Jahr vor Marquards Tod bei einem Verkehrsunfall in Australien ums Leben gekommen war.

Gedicht

Das Altern

Jede Morgendämmerung ein Geschenk
Auf dem First der Hütte der Häher krächzt
und erinnert: Knaaaar
Nichts mehr selbstverständlich
Befristete Zeit vor der Zeitlosigkeit

VI

Kapitel

Schluss & Rezept für das Altern

Um es vorwegzunehmen: Leben ist die Krankheit, die tödlich endet (Seneca). Und es gibt nicht das eine Rezept für alle, so wenig wie es das eine Medikament für alle Krankheiten gibt. Aber blicken wir zurück auf das Ausgeführte und dann nach vorn.

These · Plutarch

Die rechte Haltung ist, in Würde auch im Alter tätig zu sein.

Plutarch zeichnet ein (etwas einseitig) positives Bild des Alters und der Alten, vielleicht von sich selbst und seinen, teils mythischen, Helden generalisierend. Sein Appell an Tätigkeit und Engagement für die Gemeinschaft sowie an das Zusammenwirken mit der Jugend in gegenseitiger Ergänzung erscheint gerade heute bedenkenswert.

Antithese · Jean Améry

Das Alter ist Kampf und Niederlage.

Améry entwirft hingegen ein wenig rosiges Bild des Alters, spricht von einer „den ganzen Organismus erfassenden … Verschlackung", davon, der Körper „immer mehr Masse und immer weniger Energie hat." Der Alternde kommt außer Mode, seine Kultur wirkt von gestern, das neue Zeichensystem ist ihm fremd. Das Neue hat immer Recht. Doch Améry revoltiert auch, indem er sich nichts mehr vormacht, er schließt seinen Essay: „Die Tage schrumpfen und trocknen ab, da hatte er ein Begehr, die Wahrheit zu sagen." (S. 135)

Synthese · Odo Marquard

Stelle dich dem Alter in heiterer Melancholie.

Marquard betrachtet das Alter mit einem Lächeln: Vieles geht nicht mehr, Vieles braucht es aber auch nicht mehr, wir können uns entspannen, desillusioniert und gemäßigt depressiv in die sich stetig verkürzende Zukunft schauend.

Grabstein Jonas Goldberg (geb. 1821, gest. 1909): „Eine herrliche Krone ist das Greisenalter“
„Eine herrliche Krone ist das Greisenalter, auf dem Wege des gerechten, frommen Lebens wird sie gewonnen." — Grabstein des Jonas Goldberg (1821–1909).

Odo Marquard schließt seinen Vortrag (S. 74): „Ich verlasse mich, je älter, um so mehr, auf das eigene Verschwinden und Verklingen und kann gerade dadurch ungehemmt sehen und sagen: so ist es. Meine Mitmenschen nämlich, denen ich das zumute, brauchen dafür jetzt keine kommunikativen Nehmerqualitäten mehr, sondern nur noch ein wenig Geduld; denn binnen kurzen sind sie mich los."

Eigene Gedanken · Ein Rezept für das Altern

§ 1

Körper

Unumgänglich anzuerkennen: Im Alter organisiert der Körper die Psyche. Der Körper macht sich bemerkbar, will mit bangem Herzen belauscht, betastet, berücksichtigt, gepflegt und zu Ärzten getragen werden. Die bisher selbstverständlich angenommene Verfügbarkeit und Dienstbarkeit wird aufgekündigt.

Was helfen könnte: Sich klarzumachen, dass die Person keinen Körper hat, sondern Körper ist (verkörpert ist). Es geht also nicht darum, den eigenen Körper wie ein Ding zu betrachten, wie ein in die Jahre gekommenes, vom Ich bewohntes Haus etwa, oder gar zum „Objekt rasender Fürsorge" (Baudrillard) zu machen, sondern in ihm zu leben, sich zu arrangieren und sein Dysfunktional-Werden als Teil eines natürlichen Prozesses zu betrachten.

Jean Baudrillard: Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen, übers. von Joseph Vogl u. a., Suhrkamp, Frankfurt am Main (1968).

§ 2

Soziales Leben

Auch der alte Mensch hat ein soziales Leben, selbst wenn er keins hat, denn wir können ihm nicht entgehen und sind auf möglichst wohlwollende soziale Unterstützung angewiesen. Im Alter ernten wir die Früchte unseres sozialen Vorlebens. Geteilte Zeit ist vermehrte, ist hinzugewonnene Zeit, indem ich von Anderen etwas erfahre und lerne.

Bedenke, dass nicht nur du alterst. Du wirst auch mit dem Altern der Anderen konfrontiert, als Kind mit dem der Eltern, als Partner mit dem der Partnerin und als Freund mit dem der Freunde. Dir wird auch das Altern der Anderen zugemutet, es könnte anstrengend werden.

Die Kinder könnten aber auch sagen: „Liebe Eltern, unser Leben lang habt ihr euch um uns gekümmert. Jetzt, wo ihr alt und gebrechlich seid, habt ihr endlich mal Zeit für euch und könnt euch um euch selber kümmern."

Im alten China galten neben der Kindespflicht gegen die alten Eltern die Enkel als die Freude und die Geschwister als die Stütze des Alters.

Ist es besser, jung vor den Freunden, in ihrem Kreis sozusagen, zu sterben oder älter als sie zu werden, nach ihnen, umhüllt vom kalten Wind der Einsamkeit? Auch darin zeigt sich die ganze Ambiguität des Altwerdens. Ebenso an der Stellung des alten Menschen in der Gemeinschaft, die, um offen zu sein, prekär ist: Wir werden entbehrlich und sind dennoch da. Aber wir bewahren auch etwas, repräsentieren wichtige Aspekte des Lebens, laufen den Jüngeren ja nur voraus.

Grabstein: „Wanderer stehe still und lese. Was du bist bin ich gewesen. Was ich bin wirst du einst werden. Drum rette deine Seel auf Erden.“
Wanderer, stehe still
und lese.
Was du bist, bin ich
gewesen.
Was ich bin, wirst du
einst werden.
Drum rette deine Seel
auf Erden.

§ 3

Arbeit

Wie lange sollte der alternde Mensch arbeiten? Ist man alt, wenn man nicht mehr arbeitet? Hört man auf zu arbeiten, wenn man alt ist? Klar dürfte sein, dass ein kalendarisches Alter ungeeignet ist, das Ende des Arbeitslebens zu markieren. In Anerkennung der Ansicht, dass der Reichtum einer Gesellschaft durch Arbeit geschaffen wird (allerdings nicht nur durch bezahlte Arbeit), erscheint eine Flexibilisierung des Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand wünschenswert.

§ 4

Geld ist nicht wichtig?

Platon soll bemerkt haben (bei Marquard): „Selbst der anständig Denkende wird das Alter nicht eben leicht ertragen, wenn noch Armut dazu kommt." In jüngeren Jahren ans Alter zu denken, ist weder cool noch sexy, ist aber ein Gebot der Vernunft für den Fall, doch nicht jung zu sterben. Wir wissen, dass, wenn die letzte Stunde schlägt, alles Geld keine einzige Minute erkaufen kann — aber mit Geld stirbt es sich bequemer.

§ 5

Radikale Akzeptanz

Betrachte ich das Alter als etwas, das mir zustößt wie ein Unfall, oder als etwas, das gelebt und, ja, auch gestaltet werden kann? Wird es mir angetan oder wird es erfahren? Ist es möglich, das Alter nicht nur als etwas Unabänderliches zu akzeptieren, sondern sogar zu bejahen?

Ja, die Sorge klopft an.

Ja, drohende Verluste und das Herannahen des eigenen Todes ängstigen.

Trauer ist unvermeidlich. Sie ist der Affekt des Abschieds und des Verlusts.

Was bleibt einem verständigen Geist im Angesicht des Unabänderlichen anderes, als zu akzeptieren: Ja, so ist es, auch das will gelebt sein, alles will gelebt und, ja, auch erlitten werden. Demut könnte hilfreich sein. Hader und Verbitterung hingegen können einem selbst den Tag und den Anderen die eigene Gegenwart vergällen.

Améry erzählt in seinem Essay dazu folgende Geschichte: Eine 75-jährige Dame kommt zum Arzt und empört sich über ihren Rheumatismus, früher habe sie ihn doch auch nicht gehabt. Der Arzt entgegnet: „Ja, gnädige Frau, wann wollen Sie denn eigentlich Ihren Rheumatismus haben, wenn nicht jetzt?"

Sind Vita activa und Vita contemplativa wirklich gegenläufige Lebenskonzepte oder nicht vielmehr lebensphasenspezifische Akzentuierungen, Lebensweisen, Haltungen zum Leben, die sich überlappen? Die erste Lebenshälfte, die heute 60 Jahre dauern mag, gehört dem Lärm der Welt, die zweite Lebenshälfte der Verlangsamung und Stille. Ergo: Widme dich der Vita activa, solange du es noch kannst. Tue, was du kannst, solange es dir eigener Zustand und äußerer Umstand erlauben. Doch verkenne nicht den Moment, wo es Zeit ist, Zeit zur Einkehr, zur Vita contemplativa.

§ 6

Freitod

… ist eine, inzwischen auch assistiert legale, Möglichkeit, Freiheit und Würde zu wahren und selbst einen Schlussstrich zu ziehen. Das Thema allerdings ist so komplex, dass es hier nur benannt, aber nicht entfaltet werden soll.

§ 7

Humor

Odo Marquard plädiert unter Anerkennung der Realitäten für ein gewisses Maß an Humor und Selbstironie, denn diese „machen das Schwere leichter", lassen die Lasten des Lebens, insbesondere des alternden Lebens, leichter tragen, befreien allerdings nicht davon. „Man kann die Schwermut auf Heiterkeit ausrichten, aber man verliert sie hierdurch nicht." Im alten China galt als ideale Alters-Haltung eine „heitere Gelassenheit."

Der unvergleichliche Woody Allen (geb. 1935; in Der Stadtneurotiker, 1977): „Ich möchte nicht Unsterblichkeit durch meine Arbeit erlangen. Ich möchte Unsterblichkeit erlangen, indem ich nicht sterbe. Ich möchte nicht im Herzen meiner Mitmenschen weiterleben, sondern in meinem Appartement." („I don't want to achieve immortality through my work. I want to achieve immortality through not dying. I don't want to live on in the hearts of my countrymen. I want to live on in my apartment.")

Oder in seinem Einakter „Tod" (1975): „Ich habe nichts gegen das Sterben. Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert." („I am not afraid of dying, I just don't want to be there when it happens.")

Charlie Brown und Snoopy

§ 8

Schließlich die Poesie

Friedrich Hölderlin · 1798

Ehmals und jetzt

In jünger'n Tagen war ich
des Morgens froh,
des Abends weint' ich;
jetzt, da ich älter bin,
beginn ich zweifelnd meinen Tag,
doch heilig und heiter ist mir sein Ende.

Damit ist auch das Ende des Vortrags erreicht.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Anhang

Literatur

Lucas Cranach d. Ä. (1546): Der Jungbrunnen. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin.
Lucas Cranach d. Ä. (1546): Der Jungbrunnen. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin.