Ein Vortrag von Dr. Sven Wiethölter · Buxtehude, April 2026
Inhalt des Vortrags
Lesezeit ca. 25 Min.
Ewige Jugend ist ein ewiger Menschheitstraum, und nie waren wir ihm näher als heute. Wie sahen Ihre
Großeltern aus, als sie 60 oder 70 oder gar 80 waren? Falls Sie Ihre Großeltern überhaupt erlebten und
altern sahen. Unsere Möglichkeiten, etwas für das Jungbleiben zu tun, sind in den letzten Jahrzehnten
stetig gewachsen. Dass wir gleichwohl altern, gerät dann Manchem aus dem Blick und wird erst dann
virulent, wenn es wirklich ernst wird.
Das Alter hat einen schlechten Ruf, vor allem bei Jüngeren, die deswegen jung sterben möchten —
dies aber möglichst spät.
Der Vorgang des Alterns ist unpopulär — weil angenommen wird, dass sich alles zum Schlechteren
wendet und auch noch mit dem größten aller Übel endet, dem individuellen Tod.
Doch stimmt das? Wendet sich alles zum Schlechteren? Und wäre das größte aller Übel nicht die
Unsterblichkeit?
❦
Struktur
Sechs Stationen eines Nachdenkens
IDefinition und Annäherung an das Thema
IIEinleitung
IIIPlutarch
IVJean Améry
VOdo Marquard
VIZusammenfassung und Rezept für das Altern
Ich werde die Ausführungen gelegentlich durch ein kurzes illustrierendes Gedicht aufzulockern suchen
und damit an das poetische Potential gerade des Alterns erinnern — es gibt vermutlich kaum eine
Lebensphase, die häufiger von Dichtern besungen und beklagt, allerdings nur selten begrüßt wird.
I
Kapitel
Definition & Annäherung
Nähern wir uns dem Thema und fragen zuerst, wen wir überhaupt als „alt“ bezeichnen würden.
Alt ist, wer …
nicht mehr arbeitet?
nichts mehr vorhat?
sich für nichts Neues mehr öffnen kann?
unbeweglich ist?
sich selbst für alt hält?
Und was meint Wikipedia:
Das Altern ist ein fortschreitender biologischer Prozess … der graduell zum Verlust der gesunden
Körper- und Organfunktionen und schließlich zum biologischen Tod führt. Altern ist der bei weitem
wichtigste Risikofaktor für diverse Krankheiten … Die maximale Lebenszeit (wird beim Menschen auf 120
Jahre geschätzt), die ein Individuum erreichen kann, wird durch das Altern maßgeblich beschränkt
… und wird (nach neueren Daten) zu ca. 50 % durch die Genetik bestimmt.
Westliche Moderne
Drei Phasen des Alterns
Man könnte die Lebensphase des Alterns oder Altseins in unserer Zeit und unserer westlichen Welt in
die folgenden drei Abschnitte gliedern:
01
Phase 1 · Der agile Rentner
Es scheint eine typische Entwicklung unserer Zeit und Weltgegend zu sein, als Rentner einfach so
weiterzumachen: Bisheriges Leben minus Erwerbsarbeit. Weiterhin viel (oder noch mehr) zu reisen,
auch in ferne Länder. Weiterhin viel (oder noch mehr) Sport zu treiben, auch im Fitness-Studio und
auf Halbmarathons. Weiterhin alles machen zu können, aber nichts mehr zu müssen — „ich will doch
etwas von meiner Rente haben." Das klingt manchmal, als hätte man zuvor noch gar nicht
gelebt. Einst typische Merkmale des Alterns werden erst dann wahrgenommen, wenn es nicht mehr
anders geht — das Alter ist ins Greisenalter verschoben. Der alternde Mensch ist lange
Zeit aktiv, sportlich und unterwegs.
02
Phase 2 · Es wird ernst
Beschwerden kommen, aber gehen nicht mehr, der Körper tritt stärker ins Bewusstsein, alles geht
langsamer, der Geist beginnt zu lahmen, die Kreise werden enger.
03
Phase 3 · Steil bergab
Einschränkung von Autonomie und Mobilität, Rückzug, Hilfsbedürftigkeit, die Sinne werden
schwächer, Gedanken an den Tod werden häufiger.
„Das Stufenalter des Menschen" — zehn Stufen von der Wiege bis zur Bahre.
Lauschen wir, bevor wir tiefer einsteigen, noch einigen …
Stimmen
K
Frau K.
68, 6 Monate nach dem Tod des Ehemannes
„Ich kann nicht nur rumjammern. Ich muss nach vorn schauen." — Wenn eine Witwe mit 68 Jahren „nach vorn" schaut, was sieht sie dann? Sie hat recht: Was (noch) vor ihr liegt, will ins Auge gefasst werden!
R
Philip Roth
1933–2018, in seinem Roman „Jedermann" von 2006
„Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker." In einem Interview erklärte Roth, dass ihm der Satz spontan eingefallen sei, als er im Fernsehen Bilder von der Evakuierung von Altersheimen während der Überschwemmungen in New Orleans sah — es habe für ihn den Eindruck erweckt, als würden Menschen von einem Schlachtfeld geholt.
Quelle: „Jedermann" („Everyman", 2006; Rowohlt TB, 2024, S. 136).
E
Epikur
341–271 v. Chr.
„Nicht der Jüngling ist glücklich zu preisen, sondern der Greis, der gut gelebt hat. Denn wer noch in frischer Jugendkraft steht, wird vielfach vom Geschick bald in der, bald in jener Richtung umhergetrieben; der Greis dagegen ist im Alter wie in einem Hafen gelandet und hat einen Reichtum, auf den er früher kaum zu hoffen wagte, hinter sicherem Damm geborgen."
Quelle: Nestle, Die Nachsokratiker, 2 Bde., 1923. Aus der Spruchsammlung „Also sprach Epikuros".
W
Herr W.
63
„Noch kann ich es nicht in die richtigen Worte fassen, was das ist, dieses seltsame wie unabweisbare Gefühl des Schwundes, dieses Schwinden von Vitalität, Neugier und Offenheit für alles, dieses Verlorengehen, nein, leider, schon Verlorensein von Selbstverständlichkeit: Selbstverständlich bin ich am morgen erquickt und ausgeruht, selbstverständlich verschafft mir eine Pause auch Erholung, selbstverständlich kann ich auch einmal über die Stränge schlagen und dann ein wenig leiden ohne viel Aufhebens, selbstverständlich funktionieren alle meine Körperteile, und wenn nicht, dann ist das ein vorübergehender Zustand — all das ist nun nicht mehr selbstverständlich. Schmerz wird zum dauernden Begleiter, Leichtes wird schwer, Schweres unmöglich. Und die Vorzüge des Alters? Um die geht es mir heute wohl nicht, etwas in mir wünscht zu klagen und, wenn ich innehalte und lausche, etwas in mir … trauert. Trauert um das Schwinden der Jugendlichkeit."
Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören. — Ölgemälde von Pompeo Batoni, 1746.
II
Kapitel
Einleitung
Als ich noch ein junger oder ein noch junger Assistenzarzt war, begegnete mir ein Patient, der ein
langes, tätiges Leben hinter sich hatte und nun einen Schlaganfall erlitten hatte. Als es ihm etwas
besser ging, fragte ich ihn, welcher Abschnitt seines Lebens der beste gewesen sei, und er
antwortete: Jeder Abschnitt war gut. Und nun? — „Es ist auch gut. Türen schließen sich, andere
öffnen sich."
Es ist klar, dass es sich um eine Bewertung, eine subjektive Bewertung handelt, eine Bewertung
gleichsam von innen. Von außen betrachtet, hätten wohl die meisten Besucher dieses Patienten seinen
aktuellen Lebensabschnitt objektivierend als keineswegs gut betrachtet. Doch vielleicht
verhilft uns dieses Beispiel dazu, zu Beginn zu fragen, ob es das objektiv „gute Altern" überhaupt
gibt? Schließlich sind es Subjekte, die das Altsein erfahren und gestalten. Ich werde
deswegen in meinem Beitrag versuchen, verschiedenen Positionen Raum zu geben, um schließlich zu
meiner persönlichen Vorstellung dieses Alterungsprozesses oder, wie eine weitere Patientin
sagte, dieses „letzten Lebensabschnitts" zu finden.
Philosophisch altern. Was heißt das? Es heißt nachdenken. Und beim denkenden sich Nähern kommen
einem Bedenken.
Denn das Alter konfrontiert den schweifenden Geist mit einigen grundsätzlichen Fragen, denen sich
noch länger ausweichen ließ.
Zuvörderst die letzte aller Fragen, die nach dem Tod, dem eigenen. Wo werde ich sein, wenn ich
nicht mehr bin?
Dann die Frage nach dem Sinn des Ganzen, hier als die Frage nach dem Sinn des eigenen ganzen Lebens.
Dies zielt nicht auf Erstrebtes und Erreichtes oder auch nicht Erreichtes, sondern auf so etwas wie
einen Grundton oder eine Grundtönung. Was bin ich geworden? Was habe ich aus mir gemacht?
Und die Frage nach dem Leiden wird dringlicher, weil das Leiden herandrängt: Krankheit, Verlust,
Abbau. Was kann ich ertragen? Und wie erträgt man mich?
Abbau der Kräfte führt zu ungewohnter Hilflosigkeit, und die eigentlich Hilfsbedürftigkeit meint,
weil ich mir selbst nicht mehr zu helfen weiß. Was aber bedeutet es dem längst dem Kleinkindalter
Entwachsenen, zurückzukehren in jenen Zustand der Abhängigkeit, an den er sich nun wieder gewöhnen
soll?
Schließlich die Einsamkeit. Rückgeworfenheit auf sich selbst. Nicht mehr im Gespräch sein, nicht
mehr Teil sein von etwas Größerem als das Ich. Der alternde Mensch wird unsichtbar, das Verschwinden
beginnt schon zu Lebzeiten.
Westliche & östliche Konzepte
Zwei Beispiele
Erik Erikson (1902–1974): In seinem Stufenmodell der
psychosozialen Entwicklung geht es im letzten Stadium, Stadium 8, unter dem Stichwort Ich-Integrität
vs. Verzweiflung um Folgendes: „Ich bin, was ich mir angeeignet habe."
Der letzte Lebensabschnitt stelle den Menschen vor die Aufgabe, auf sein Leben zurückzublicken.
Anzunehmen, was er getan hat und geworden ist, und den Tod als sein Ende nicht zu fürchten. Setzt
sich der Mensch in dieser Phase nicht mit Alter und Tod auseinander (und spürt nicht auch die
Verzweiflung dabei), kann das zu Ignoranz, Zynismus, Bitterkeit und Erstarrung führen. Wird diese
Phase jedoch erfolgreich gemeistert, erlange der Mensch das, was Erikson Weisheit nennt — dem Tod
ohne Furcht entgegensehen, sein Leben annehmen und trotzdem die Fehler und das Glück darin sehen
können. Eine idealisierende Vorstellung?
Erik H. Erikson (1959): Identity and the Life Cycle. New York: International Universities
Press. Übersetzung: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966,
S. 55–123.
In der indischen Philosophie (vor allem im Hinduismus) gibt es das Konzept der vier Lebensphasen,
genannt Āśramas (आश्रम). Sie beschreiben den idealen Lebensweg eines Menschen — ethisch,
spirituell und gesellschaftlich. Nach einer Lern- und Schülerphase (Kindheit und Jugend, Bildung,
Studium der Veden, Disziplin und Selbstkontrolle, Entwicklung von Charakter und Wissen) und der
Hausvater-/Hausfrauenphase (Erwachsenenalter, Ehe, Familie, Beruf, gesellschaftliche Verantwortung,
wirtschaftliche Tätigkeit, Fürsorge für Familie und Gemeinschaft — diese Phase gilt als die tragende
Säule der Gesellschaft) folgen Rückzugs- oder Waldphase (spätes Erwachsenenalter, schrittweiser
Rückzug aus Beruf und Familienpflichten, Übergang zu spiritueller Praxis, Meditation und Beratung
Jüngerer) und schließlich die für Karma und Befreiung entscheidende Entsagungsphase (vollständige
Loslösung von Besitz und sozialen Bindungen, Leben als Asket oder Wanderer, ausschließliche
Ausrichtung auf spirituelle Befreiung, Moksha).
Siyaram Baba — Die Behauptung, ein 188 Jahre alter Inder sei gefunden worden, ist eine
Falschmeldung, die 2024 in sozialen Medien viral ging. Bei dem Mann handelte es sich tatsächlich um
den hinduistischen Heiligen Siyaram Baba, der im Dezember 2024 starb, 94 oder 110 Jahre alt.
Haiku · Sugiyama Sampú · 1690
Mit einem Male
brach der erste Zahn mir aus —
und der Herbstwind weht.
Das Alter ist ein relevanter Topos in fast allen Gesellschaftsfeldern — für die Philosophen von
Berufs wegen. Es gibt folglich reichlich philosophische Literatur, aus der ich drei Autoren
herausgreife, beginnend mit …
Büste aus Delphi, 2. Jhdt.
Kapitel III
Plutarch
* um 45 in Chaironeia · † um 125
Ob ein Älterer noch tätig sein soll
Griechischer Philosoph und Schriftsteller, der auch öffentliche Ämter ausübte. Aus vermögender
Familie der Oberschicht, Student der platonischen Akademie in Athen. Philosophisch an Platon
orientiert, Priester am Tempel Apolls in Delphi, polemisierte gegen Epikureer und Stoiker. Zu
Lebzeiten bereits berühmt und mit großer Nachwirkung, z. B. bei Montaigne, verehrt und vermutlich
unspektakulär in hohem Alter gestorben.
In der Antike galt als alt, wer das 60. Lebensjahr überschritten hatte. Ab diesem Alter wurde man
auch nicht mehr zum Wehrdienst herangezogen. Die Kinder waren gesetzlich zum Unterhalt der Eltern
im Alter verpflichtet.
Der Adressat von Plutarchs Werk „Ob ein Greis sich in der Staatsverwaltung beteiligen soll" ist
Euphanes, ein älterer, angesehener Athener Politiker, der aufgrund seines Alters über einen Rückzug
aus dem öffentlichen Leben nachdachte, worauf Plutarch mit diesem Essay antwortete.
Ausgangspunkt ist Plutarchs Vorstellung vom gelungenen Dasein, das er in einem „ehrenhaften Leben"
(S. 21) sieht und dieses wiederum im „Einsatz für die Gemeinschaft und das Staatswesen" (S. 22).
„Das bleibt ja sogar bei den Ameisen und Bienen bis an ihr Ende so … Von all den vielen Übeln bringt
aber nichts so viel Unehre für einen Älteren wie untätiges, energieloses und faules Herumsitzen."
(S. 22–23)
Er argumentiert dann, dass im Alter die gängigen Vergnügungen wie Gelderwerb, Essen und Trinken,
aber auch die der Aphrodite kaum noch zählten, weil sie abgestumpft seien — die geistigen Freuden,
die aus rechtem Tun und ehrenvollem Handeln erwachsen, hingegen weiter verfügbar blieben. Die
schönsten und größten Freuden bereite dabei die öffentliche Tätigkeit, das Wirken für die
Allgemeinheit und menschenfreundliche Gesinnung (S. 29–30). „So ist auch ein Älterer, der aktiv ist
in Wort und Tat und dadurch Respekt genießt, ein ehrwürdiger Anblick. Einer aber, der den Tag im
Bett verbringt oder in einem Winkel der Halle sitzt, allerlei daherschwätzt und sich die Nase
schnäuzt, den kann man zu Recht verachten." (S. 34)
Bemerkenswert in unserer Zeit: Für Plutarch hat das Vaterland noch größere und ältere Rechte als
die der Eltern gegen die Kinder, denn dieses bedürfe „ständiger Fürsorge, Hilfe und Aufmerksamkeit."
(S. 48) Ein interessanter Gedanke: Nicht das Vaterland muss sich um uns kümmern, sondern wir um das
Vaterland. John F. Kennedy in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961: „Fragt nicht, was euer Land
für euch tun kann — fragt, was ihr für euer Land tun könnt."
Plutarch fokussiert die Vorzüge des Alters
Gewinn an Einsicht und Umsicht, Wert der Erfahrung (Pindar zitierend: „Am besten geht es dem
Staat, wenn der Rat der Alten und die Speere der Jungen hervorleuchten", S. 39).
Erkenntnis des wirklich Wichtigen im Leben. Je geringer die verbleibende Zeit wird, desto
wertvoller wird sie auch: „Wir sollten die geringen und wertlosen Dinge beiseite lassen"
(S. 51). „Überhaupt muss man nicht stets und ständig präsent sein und alles mitmachen, außer
wenn es um eine wichtige Angelegenheit geht." (S. 53)
Freimütigkeit der Rede. Man muss nicht mehr auf Alles und Jeden Rücksicht nehmen.
Rückgang der hitzigen Impulsivität zugunsten einer geordneten Gedankenwelt in nüchterner
Überlegung. Daraus leitet Plutarch die Aufgabe der Älteren ab, die Jungen zu bilden und zu
lehren, und gründete selbst in seiner Heimatstadt eine Schule, die große Anerkennung genoss.
Jung und Alt sollten einander ergänzen wie Wein und Wasser, überschäumend der eine, mäßigend
das andere.
Der Alte erregt keinen Neid mehr.
Aber: Denk- und Tatkraft bleibe nur den geistig Regsamen „erhalten durch beständiges Reden, Handeln,
Überlegen und Urteilen." Müßiggang hingegen verzehre sie „wie Rost das Eisen." „Ein unbewohntes
Haus stürzt mit der Zeit zusammen." (Sophokles zitierend, S. 46)
„Am besten geht es dem Staat, wenn der Rat der Alten und die Speere der Jungen hervorleuchten."
Pindar, zitiert bei Plutarch · S. 39
Abschließend zeichnet Plutarch ein m. E. idealisiertes Bild des alten Mannes (!), gekennzeichnet
von Vernunft, Einsicht und Erkenntnis, Freimütigkeit und kluger Umsicht, gerichtet auf seine
moralischen Prinzipien wie Gerechtigkeit, Mäßigung, Selbstbeherrschung und Weisheit. Auch der alte
Mensch solle, so er noch Saft und Kraft habe, ein tugendhaftes Leben als Teil der Gemeinschaft und
in deren Dienst führen. Kurzum: Die Alten werden gebraucht. Und das tut ihnen selbst und
der Gemeinschaft gut.
Anhang: Epikur
(um 341 v. Chr. auf Samos; † 271 oder 270 v. Chr. in Athen) bezieht eine ganz andere Position. Er
propagiert den Rückzug ins Private, weg von der Politik und der Masse, zugeneigt den Freunden und
einfachen Freuden. Mit Wenigem auszukommen — „Wem das Genügende nicht genügt, dem wird es nie genug
sein." Epikurs Ideal ist Gelassenheit — die „Windstille der Seele."
Haiku · Kobayashi Issa · 1763–1828
Alt geworden —
selbst der Schatten
geht langsamer.
Jean Améry, 1912–1978
Kapitel IV
Jean Améry
* 1912 Wien · † 1978 Salzburg
Über das Altern — Revolte und Resignation (1968)
Der Jude Améry war Autodidakt und Autor, beteiligte sich am Widerstand gegen die Nazis, wurde
gefasst und gefoltert, nach Auschwitz deportiert. Nach dem Krieg lebte er in Belgien, arbeitete als
Kulturjournalist und Autor überwiegend für ein deutschsprachiges Publikum.
Bekannt war Améry auch als Fürsprecher des selbstbestimmten Todes, wie er in seinem Buch „Hand an
sich legen" 1976 darlegt. Am 17. Oktober 1978 schluckte er in einem Salzburger Hotel eine Überdosis
Barbiturate, in einem Brief entschuldigte er sich bei der Leitung des Hotels für die
Unannehmlichkeiten, die er dem Haus bereite. Das Geld für die Rechnung hatte er mit dem Zimmer
hinterlegt.
Améry eröffnet mit Überlegungen zum Zeiterleben des alternden Menschen: „Erst dann, wenn
einer der Entscheidundenheit und Unwiederbringlichkeit der Zeit gewahr wird, … wird Zeit zu einer an
ihn gerichteten Frage." (S. 25) Die Zeit werde erst dann zum Problem, wenn sie, wie das Geld, knapp
werde. Weil nicht mehr viel Zeit übrig ist, bekomme das „Jetzt" einen bisher nicht gekannten Wert.
Dazu ein schöner Gedanke Amérys (S. 25): „Der junge Mensch taugt von sich, der alte fasst er sich."
Aber was auch immer sich wählt von nun an im Jung sein, ist die Welt!
Zweites Kapitel: Der Leib. „Wenn das alternde Menschenwesen … regelgebild haften bleibt:
dann bricht urplötzlich das Entstarren auf." (S. 40) Denn, so Améry, er haben bis dahin das Altern
des Körpers verdrängt, die innere Repräsentanz des Leibes hinke der Realität, die dann plötzlich im
Spiegelbild erkannt werde, lange hinterher. Dies sei „das Grunderlebnis eines jeden Alternden, der
nur die Geduld hat, ausgelaufen stehen vor dem Spiegel." (S. 43) Wir werden auf unseren Leib
verwiesen, der nun nicht mehr fraglos funktioniert, sondern der uns zwingt, sich mit ihm zu befassen
und mehr und mehr unseren Lebensrhythmus bestimmt. (S. 48)
Kulturell Altwerden. „Wer an die Schwelle gerät … muss
irgendwann erfahren, dass er die Welt nicht mehr versteht … Zuerst ist da nur ein taubes Gefühl von
Widerwillen gegen das, was der Alternde für sich den kulturellen Jargon der Epoche nennt."
(S. 81) In diesem Kapitel entfaltet Améry die Ambivalenz des Alternden zwischen der
Aufgeschlossenheit für das Neue, die zu einem abstoßenden Ewig-jung-Bleiben-Wollen werden kann, und
dem Ekel vor dem Fremden (Neuen), der sich manifestiert als Mäkelei, Unsicherheit und rhetorische
Ablehnung.
Der Blick der Anderen. Améry untersucht mit kühlem Verstand die Situation des Alternden
und diagnostiziert: „Mit einem Mal … bewilligt die Welt ihm nicht mehr den Kredit seiner Zukunft,
sie will sich nicht mehr darauf einlassen, ihn als den zu sehen, der er sein könnte." Er
werde zu einem „Geschöpf ohne Potentialität." (S. 65) … und eben nicht zu jenem ehrwürdigen Greis,
von dem bei Plutarch die Rede ist. Und weiter: „Zahlreiche Adjektive, die alle mit der Silbe „un"
beginnen, werden dem alternden Menschen zugeordnet … unfällig, ungültig, unbelehrbar, unerfreulich,
unverwurzelt … un-jung." (S. 77) Bereits erwachte die Gesellschaft, „dass wir … in Würde altern,
Revolte, ohne Klage …" (S. 83) … Er (der Alte) ist „… ein Mensch, der in der Anerkenntnis des
Nicht-Seins doch noch ein Etwas (vor dem gänzlichen Nicht-Sein, dem Tod). Er macht die Negation
durch den Blick der Anderen zu seiner Sache und endet schweigend gegen sie … Das … ist,
vielleicht, die einzige Möglichkeit, wahrhaft in Würde zu altern." (S. 88)
Mit dem Sterben leben. Hier soll nur eine Bemerkung Amérys
angeführt und bemerkt werden, dass es „So Gedanken" gibt, mit denen Améry durchaus weiterweist.
Améry: „Der alternde Mensch, sofern er nicht schlechten Gewissens und meiner Geschäft des
Verdrängens beträfe das Geschäft des Verdrängens bereits (das Geschäft das vermeintlich ewig
Jungen), der alternde Mensch … spürt in der Tat sich sterben, lange Jahre noch ehe er stirbt. Sein
physischer, geselliger, kultureller Weltverlust gibt ihm das Gewissheit dessen, woran er früher nur
als theoretische Wahrheit geglaubt hat: dass er ein moribundus ist (ein Sterbender)."
(S. 121f)
„Das Altern ist eine verödete Lebensregion, bar jeden vernünftigen Trostes."
Jean Améry, S. 134
Zusammenfassend muss wohl gesagt werden, dass Améry vor 56 Jahren bei Erscheinen des Essays den
Alternden nur als einen, im günstigsten Falle würdevoll, Rostenden vorstellen kann und uns daran
erinnert, dass das Neue letztlich immer Recht hat, „ganz einfach, weil es weiter ist in der Zeit."
(S. 95) Und: „Er (der Alte) versteht die Welt nicht mehr; die Welt, die er versteht, ist nicht mehr
… Er ist kein Held, nur ein Irgendwer: so heldenhaft wie jeder Irgendwer, der altert und sterben
wird." (S. 110) Wir sollten uns also nichts vormachen. „Das Altern … ist eine verödete Lebensregion,
bar jeden vernünftigen Trostes." (S. 134) Wir sollten das Alter nicht romantisieren oder
poetisieren, uns aber auch den Erwartungen der Welt an den Alternden nicht beugen, sondern
revoltieren — bevor wir resignieren. Beugen sollen wir uns nur dem Einen und auch dem nüchtern
entgegensehen: Dem Tod.
Haiku · Jōsō · Schüler Bashōs · 1661–1704
Kälter als Schnee noch
liegt auf dem ergrauten Haar
der Mond des Winters.
Odo Marquard, 1928–2015
Kapitel V
Odo Marquard
* 1928 Stolp · † 2015 Celle
Zum Lebensabschnitt der Zukunftsverminderung (Vortrag, 2006)
Das Alter — mehr Ende als Ziel (Interview, 2013)
1965–1993 Professor für Philosophie in Gießen. Als Heranwachsender war Odo Marquard indoktrinierter
Adolf-Hitler-Schüler, Flakhelfer und im Volkssturm, erlebte das Kriegsende als „Zusammenbruch",
desillusioniert und entwurzelt den Verlust der Heimat. Der Neubeginn führte ihn zur Philosophie,
die er als durchaus humorvoller Skeptiker, unterhaltsamer Essayist und Redner bereicherte. Grundzug
seines Philosophierens ist die These, dass der Mensch als sorgenvolles Mängelwesen einer
rücksichtslosen Wirklichkeit gegenübersteht, die er durch Kompensationen zu beherrschen versucht.
Mit 78 Jahren, so alt war Odo Marquard, als er den hier in Rede stehenden Vortrag hielt, zählte er
sich zu den Alten. Das Alter sei „ein Lebensabschnitt gemäßigter, manchmal starker, manchmal
fröhlicher Depression." (S. 70) … aber auch ein Lebensabschnitt, der es dem Betagten, dessen Zeit
knapp wird, erlaube, illusionslos und realistisch zu sein, kaum noch Rücksichten nehmen zu müssen.
Rücksicht z. B. auf andere Menschen, denen nicht auf die Füße getreten werden darf, oder Rücksicht
auf die Perspektiven der eigenen Zukunft, die gefühlt noch endlos vor einem liegt und die nicht
verstellt werden darf oder in der es noch etwas zu vollenden gilt. Alles Illusionen, meint Odo
Marquard, der nun nicht mehr gebraucht werden. Der alte Mensch könne die Dinge sehen, wie sie sind,
und sagen, was er will! Er müsse sich und Anderen nichts mehr beweisen und kann seine Eitelkeiten
abstreifen.
Dabei verkennt Marquard nicht, dass das Alter, insbesondere das hohe Alter, eine Zumutung ist,
eine, wie er sagt, „wacklige Geschichte." (S. 77) Dazu gehöre eine gewisse Schwermut, eine
Melancholie, die den meisten Philosophen aber ohnehin lebenslang eigen sei. (S. 83f)
7 Jahre später, also 85-jährig, gab er das hier zusätzlich herangezogene Interview, in dem er
illusionsfrei über seinen Zustand berichtet und konstatiert: „Man muss akzeptieren, dass man am
Ende ist, wo es keine Ziele mehr gibt." Er bekennt, Furcht vor dem Sterben zu haben („es könnte
unangenehm werden"), und wünscht sich die Gegenwart der ihm nächsten Menschen. Odo Marquard wurde
87 Jahre alt und verbrachte die letzten zwei Jahre mit seiner Ehefrau in einem Seniorenheim in
Celle in der Nähe seines Sohnes, der ein Jahr vor Marquards Tod bei einem Verkehrsunfall in
Australien ums Leben gekommen war.
Gedicht
Das Altern
Jede Morgendämmerung ein Geschenk
Auf dem First der Hütte der Häher krächzt
und erinnert: Knaaaar
Nichts mehr selbstverständlich
Befristete Zeit vor der Zeitlosigkeit
VI
Kapitel
Schluss & Rezept für das Altern
Um es vorwegzunehmen: Leben ist die Krankheit, die tödlich endet (Seneca). Und es gibt
nicht das eine Rezept für alle, so wenig wie es das eine Medikament für alle
Krankheiten gibt. Aber blicken wir zurück auf das Ausgeführte und dann nach vorn.
These · Plutarch
Die rechte Haltung ist, in Würde auch im Alter tätig zu sein.
Plutarch zeichnet ein (etwas einseitig) positives Bild des Alters und der Alten, vielleicht von
sich selbst und seinen, teils mythischen, Helden generalisierend. Sein Appell an Tätigkeit und
Engagement für die Gemeinschaft sowie an das Zusammenwirken mit der Jugend in gegenseitiger
Ergänzung erscheint gerade heute bedenkenswert.
Antithese · Jean Améry
Das Alter ist Kampf und Niederlage.
Améry entwirft hingegen ein wenig rosiges Bild des Alters, spricht von einer „den ganzen
Organismus erfassenden … Verschlackung", davon, der Körper „immer mehr Masse und immer weniger
Energie hat." Der Alternde kommt außer Mode, seine Kultur wirkt von gestern, das neue
Zeichensystem ist ihm fremd. Das Neue hat immer Recht. Doch Améry revoltiert auch, indem er sich
nichts mehr vormacht, er schließt seinen Essay: „Die Tage schrumpfen und trocknen ab, da hatte er
ein Begehr, die Wahrheit zu sagen." (S. 135)
Synthese · Odo Marquard
Stelle dich dem Alter in heiterer Melancholie.
Marquard betrachtet das Alter mit einem Lächeln: Vieles geht nicht mehr, Vieles braucht es aber
auch nicht mehr, wir können uns entspannen, desillusioniert und gemäßigt depressiv in die sich
stetig verkürzende Zukunft schauend.
„Eine herrliche Krone ist das Greisenalter, auf dem Wege des gerechten, frommen Lebens wird sie
gewonnen." — Grabstein des Jonas Goldberg (1821–1909).
Odo Marquard schließt seinen Vortrag (S. 74): „Ich verlasse mich, je älter, um so mehr, auf das
eigene Verschwinden und Verklingen und kann gerade dadurch ungehemmt sehen und sagen: so ist es.
Meine Mitmenschen nämlich, denen ich das zumute, brauchen dafür jetzt keine kommunikativen
Nehmerqualitäten mehr, sondern nur noch ein wenig Geduld; denn binnen kurzen sind sie mich los."
Eigene Gedanken · Ein Rezept für das Altern
§ 1
Körper
Unumgänglich anzuerkennen: Im Alter organisiert der Körper die Psyche. Der Körper macht sich
bemerkbar, will mit bangem Herzen belauscht, betastet, berücksichtigt, gepflegt und zu Ärzten
getragen werden. Die bisher selbstverständlich angenommene Verfügbarkeit und Dienstbarkeit
wird aufgekündigt.
Was helfen könnte: Sich klarzumachen, dass die Person keinen Körper hat, sondern
Körper ist (verkörpert ist). Es geht also nicht darum, den eigenen Körper wie ein Ding
zu betrachten, wie ein in die Jahre gekommenes, vom Ich bewohntes Haus etwa, oder gar zum
„Objekt rasender Fürsorge" (Baudrillard) zu machen, sondern in ihm zu leben, sich zu
arrangieren und sein Dysfunktional-Werden als Teil eines natürlichen Prozesses zu betrachten.
Jean Baudrillard: Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen, übers. von
Joseph Vogl u. a., Suhrkamp, Frankfurt am Main (1968).
§ 2
Soziales Leben
Auch der alte Mensch hat ein soziales Leben, selbst wenn er keins hat, denn wir können ihm
nicht entgehen und sind auf möglichst wohlwollende soziale Unterstützung angewiesen. Im Alter
ernten wir die Früchte unseres sozialen Vorlebens. Geteilte Zeit ist vermehrte, ist
hinzugewonnene Zeit, indem ich von Anderen etwas erfahre und lerne.
Bedenke, dass nicht nur du alterst. Du wirst auch mit dem Altern der Anderen
konfrontiert, als Kind mit dem der Eltern, als Partner mit dem der Partnerin und als Freund mit
dem der Freunde. Dir wird auch das Altern der Anderen zugemutet, es könnte anstrengend
werden.
Die Kinder könnten aber auch sagen: „Liebe Eltern, unser Leben lang habt ihr euch um uns
gekümmert. Jetzt, wo ihr alt und gebrechlich seid, habt ihr endlich mal Zeit für euch und könnt
euch um euch selber kümmern."
Im alten China galten neben der Kindespflicht gegen die alten Eltern die Enkel als die Freude
und die Geschwister als die Stütze des Alters.
Ist es besser, jung vor den Freunden, in ihrem Kreis sozusagen, zu sterben oder älter
als sie zu werden, nach ihnen, umhüllt vom kalten Wind der Einsamkeit? Auch darin
zeigt sich die ganze Ambiguität des Altwerdens. Ebenso an der Stellung des alten Menschen in
der Gemeinschaft, die, um offen zu sein, prekär ist: Wir werden entbehrlich und sind dennoch
da. Aber wir bewahren auch etwas, repräsentieren wichtige Aspekte des Lebens, laufen den
Jüngeren ja nur voraus.
Wanderer, stehe still und lese. Was du bist, bin ich gewesen. Was ich bin, wirst du einst werden. Drum rette deine Seel auf Erden.
§ 3
Arbeit
Wie lange sollte der alternde Mensch arbeiten? Ist man alt, wenn man nicht mehr arbeitet? Hört
man auf zu arbeiten, wenn man alt ist? Klar dürfte sein, dass ein kalendarisches Alter ungeeignet
ist, das Ende des Arbeitslebens zu markieren. In Anerkennung der Ansicht, dass der Reichtum einer
Gesellschaft durch Arbeit geschaffen wird (allerdings nicht nur durch bezahlte Arbeit), erscheint
eine Flexibilisierung des Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand wünschenswert.
§ 4
Geld ist nicht wichtig?
Platon soll bemerkt haben (bei Marquard): „Selbst der anständig Denkende wird das Alter nicht
eben leicht ertragen, wenn noch Armut dazu kommt." In jüngeren Jahren ans Alter zu denken, ist
weder cool noch sexy, ist aber ein Gebot der Vernunft für den Fall, doch nicht jung zu sterben.
Wir wissen, dass, wenn die letzte Stunde schlägt, alles Geld keine einzige Minute erkaufen kann
— aber mit Geld stirbt es sich bequemer.
§ 5
Radikale Akzeptanz
Betrachte ich das Alter als etwas, das mir zustößt wie ein Unfall, oder als etwas, das gelebt
und, ja, auch gestaltet werden kann? Wird es mir angetan oder wird es erfahren? Ist es möglich,
das Alter nicht nur als etwas Unabänderliches zu akzeptieren, sondern sogar zu bejahen?
Ja, die Sorge klopft an.
Ja, drohende Verluste und das Herannahen des eigenen Todes ängstigen.
Trauer ist unvermeidlich. Sie ist der Affekt des Abschieds und des Verlusts.
Was bleibt einem verständigen Geist im Angesicht des Unabänderlichen anderes, als zu
akzeptieren: Ja, so ist es, auch das will gelebt sein, alles will gelebt und, ja, auch
erlitten werden. Demut könnte hilfreich sein. Hader und Verbitterung hingegen können einem
selbst den Tag und den Anderen die eigene Gegenwart vergällen.
Améry erzählt in seinem Essay dazu folgende Geschichte: Eine 75-jährige Dame kommt zum Arzt und
empört sich über ihren Rheumatismus, früher habe sie ihn doch auch nicht gehabt. Der Arzt
entgegnet: „Ja, gnädige Frau, wann wollen Sie denn eigentlich Ihren Rheumatismus haben, wenn
nicht jetzt?"
Sind Vita activa und Vita contemplativa wirklich gegenläufige Lebenskonzepte oder nicht vielmehr
lebensphasenspezifische Akzentuierungen, Lebensweisen, Haltungen zum Leben, die sich
überlappen? Die erste Lebenshälfte, die heute 60 Jahre dauern mag, gehört dem Lärm der Welt, die
zweite Lebenshälfte der Verlangsamung und Stille. Ergo: Widme dich der Vita activa, solange du
es noch kannst. Tue, was du kannst, solange es dir eigener Zustand und äußerer Umstand
erlauben. Doch verkenne nicht den Moment, wo es Zeit ist, Zeit zur Einkehr, zur Vita
contemplativa.
§ 6
Freitod
… ist eine, inzwischen auch assistiert legale, Möglichkeit, Freiheit und Würde zu wahren und
selbst einen Schlussstrich zu ziehen. Das Thema allerdings ist so komplex, dass es hier nur
benannt, aber nicht entfaltet werden soll.
§ 7
Humor
Odo Marquard plädiert unter Anerkennung der Realitäten für ein gewisses Maß an Humor und
Selbstironie, denn diese „machen das Schwere leichter", lassen die Lasten des Lebens,
insbesondere des alternden Lebens, leichter tragen, befreien allerdings nicht davon. „Man kann
die Schwermut auf Heiterkeit ausrichten, aber man verliert sie hierdurch nicht." Im alten China
galt als ideale Alters-Haltung eine „heitere Gelassenheit."
Der unvergleichliche Woody Allen (geb. 1935; in Der Stadtneurotiker, 1977): „Ich
möchte nicht Unsterblichkeit durch meine Arbeit erlangen. Ich möchte Unsterblichkeit erlangen,
indem ich nicht sterbe. Ich möchte nicht im Herzen meiner Mitmenschen weiterleben, sondern in
meinem Appartement." („I don't want to achieve immortality
through my work. I want to achieve immortality through not dying. I don't want to live on in
the hearts of my countrymen. I want to live on in my apartment.")
Oder in seinem Einakter „Tod" (1975): „Ich habe nichts gegen das Sterben. Ich möchte nur nicht
dabei sein, wenn es passiert." („I am not afraid of dying, I just
don't want to be there when it happens.")
§ 8
Schließlich die Poesie
Friedrich Hölderlin · 1798
Ehmals und jetzt
In jünger'n Tagen war ich
des Morgens froh,
des Abends weint' ich;
jetzt, da ich älter bin,
beginn ich zweifelnd meinen Tag,
doch heilig und heiter ist mir sein Ende.
Damit ist auch das Ende des Vortrags erreicht.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Anhang
Literatur
·Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophisches — Über das Altern, Reclam, 2013
·Plutarch: Arbeiten im Alter — Denkanstöße aus der Antike, Reclam, 2019
·Jean Améry: Über das Altern — Revolte und Resignation, Klett-Cotta, 1968
Lucas Cranach d. Ä. (1546): Der Jungbrunnen. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin.